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08.10.2009  ·  Dirk Schürjohann zum Thema Indiana Jones und Twitter. Kommentare 5

Können wir kurz reden?

Es geht um Twitter, und ich habe hier ein paar Probleme. — Twitter ist eine dieser Webanwendungen, deren Technik schneller verständlich ist als das Konzept. Technisch gesehen schreibt man nämlich einfach »was rein«, konzeptionell hat man anfangs jedoch nur eine vage Vorstellung davon, wer es liest. Und warum.

»Das ist sein ganzes Leben. Warum schickt er es mir?«

- Indiana Jones

Nun, die Grundidee von Twitter ist schnell erklärt: Erzähle Deinen Freunden, was Du gerade tust. Erzähle es in einer Form, die sie, Deine Freunde, nicht von der Arbeit abhält, sie nicht bis unter die Dusche begleitet oder ihnen den #Tatort zerredet. Deine Freunde sind nämlich – konzeptionell – arg interessiert daran, was in Deinem Leben passiert, nur müssen die Dosis und der Zeitpunkt stimmen: Abends auf dem Sofa ist eine feine Sache. Zehnmal am Tag per Telefon (»Ich habe mir gerade einen Kaffee gemacht. Tschüss!«) strapaziert.

Twitter aber stört nicht. Twitter ist eine Kommunikationsform mit Time-Shift-Funktion. Du kannst jederzeit auf ‘Pause’ drücken und später wieder einsteigen. Twitter ist wie eine Livesendung, die Minuten oder Stunden vorher aufgezeichnet wurde. Und weil Twitter gerade ziemlich gute Quoten hat, können auch banale Dinge plötzlich spannend sein.

Prof. Henry Jones: »Ich sollte Dir etwas sagen..«
Indiana Jones: »Nicht jetzt, Vater!«
Prof. Henry Jones: »Der Fußboden brennt – und der Stuhl!«

- Indiana Jones

Das ist wunderbar. Aber auch Teil meiner Probleme. — Wenn ich das richtig deute, bin ich selbst sogar Teil eines großen Problems, das auch prominente Leute wie @BarackObama oder die Frau von Ashton Kutcher betrifft.

Wir alle haben eine Timeline bei Twitter, durch die das Leben unserer Freunde rasselt, und wenn wir nicht schnell genug sind, verpassen wir es. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, längst nicht alles mitzubekommen von dem, was Barack tagsüber macht. Und ich wette, auch Barack verpasst viel von meinem Leben. Das würde vermutlich nicht passieren, wenn wir häufiger telefonierten. Strömungen im Netz aber führten seinerzeit dazu, dass wir Twitter als primäre Kommunikationsform nutzen.

Vielleicht ließen sich Probleme bei Twitter lösen, wenn man seinen Freundeskreis enger schnallte. Eine Handvoll guter Leute, und Du bist wieder mittendrin in ihrem Leben. Das ginge allerdings gegen das Konzept. Twitter funktioniert doch gerade deshalb so toll, weil Du weltweit Kontakte knüpfen kannst, ohne jemandem zu nahe zu treten. Twitter ist multikulturell und macht die Welt ein Stück kleiner.

»Brody hat Freunde in jedem Dorf und in jeder Stadt von hier bis zum Sudan. Er spricht alle Sprachen und kennt die lokalen Gebräuche.«

- Indiana Jones

Wenn nun Baracks, meine und Frau Kutchers Timelines zu schnell laufen, so dass wir oft das Gefühl haben, auf der Strecke zu bleiben, dann ist das vielleicht gar kein Problem, sondern zeugt von Weltoffenheit. Es offenbart unser Interesse an anderen Menschen und an fremden Kulturen.

Vielleicht muss man auch gar nicht alles lesen, was geschrieben wird. So eine Twittertimeline ist doch eigentlich kaum anders als ein Poesiealbum. Es geht dabei vor allem um den symbolischen Akt. Es geht ums Reinschreiben, und nicht ums Lesen.

Lesen können wir später.
Irgendwann, wenn mal genug Zeit ist und wir nett zusammensitzen.

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5 Kommentare

  • 1

    Jeena Paradies 

    http://www.youtube.com/watch?v=PN2HAroA12w (Youtube)

    Aber mal ehrlich, wie kommst du auf die Idee man müsste alles lesen? Ich habe das immer schon so gesehen dass wenn ich zeit habe und unterhalten werden möchte dann schalte ich Twitter ein, anstatt des Radios. Wenn ich wieder keine Zeit habe schalte ich es wieder aus, oder falls ich nur im Hintergrund berieselt werden möchte dann lasse ich es über Growl ab und zu mal was anzeigen.

    Keiner verlangt ja von dir alles zu lesen, das wäre ja wahnsinnig, noch wahnsinniger wäre es alles von Leuten zu lesen zu denen du nicht einmal persönlichen Bezug hast, wie Obama oder Ashton Kutchers Frau (Außer du hast ein Verhältnis mit Ihr).

  • 2

    Michael Oeser 

    Herrliche Morgenlektüre. Man stellt sich selbst doch beizeiten die Frage “was soll der Quatsch…?” und macht trotzdem mit ;-)

    Alles eine Frage des Filterns?
    http://twitter.com/michaeloese.....4705033727

  • 3

    Kai Thrun 

    sehr cool geschrieben.
    Das Einzige, was ich wohl nie verstehen werde und deswegen habe ich auch kein Problem ohne Twitter – wieso glaubt man irgendwas zu verpassen? ;)

    @Michael: Ja filtern ist sicherlich eine Lösung. Ich halt’s für mich so, dass ich meine follows in Grenzen halte :-)

    however, schöner Artikel.

  • 4

    Chräcker 

    Ich mag das Radiogerausche im Internet nicht. Habe ja auch keins nebenher laufen, schaue beim surfen kein Fernsehen, telefoniere nicht beim spielen und schalte mein handy immer aus, sobald ich mich an einen tisch zu anderen setze. Bin da noch richtig altbacken.

    Und wenn ich mich unterhalte, dann versuche ich zu zu hören. Damit wäre Twitter nichts für mich. Ersetzt mir aber, neben facebook ein wenig das Büroganggequatsche. Deswegen lese ich auch alles. Und deswegen habe ich auch nur ein paar wenige, denen ich folge. Mehr wäre für mich intellektuell verbrämtes Fahrstuhlgedudel. Also altmodisch UND auch noch altersbedingte Vorurteile? Hui: ist das meine midlife-Krise?

  • 5

    Dirk Schürjohann (Autor)

    Huch, ich wollte euch doch längst geantwortet haben.

    Jeena, ich lese nicht mehr alles, seit ich mehr als vielleicht 50 Leuten folge. Aber grundsätzlich denke ich, erfordert das Konzept der Plattform, dass man alles liest. Sonst wäre das Gezwitscher wie besoffenes Partygeplänkel, und nicht wie Gespräche unter Freunden — Was es laut Konzept sein möchte!

    Michael, Filter wären eine feine Sache. Nur müssten sie sich bitte automatisch einrichten und eigenständig updaten.

    Kai, Danke! Und ja, ohne Twitter geht es auch. Genau wie mit Twitter.

    Chräcker, wenn das oldschool ist, was Du machst, dann mag ich das. Du könntest Dir allerdings endlich mal angewöhnen, Dein Mobiltelefon auf lautlos zu stellen, wenn Du dich zu jemandem an den Tisch setzt. Ständig an- und ausstellen, dazu die PIN-Abfrage.. das ist doch müßig ;)

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